Autismus
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Der Begriff Autismus (gr. „selbst“) bezeichnet eine angeborene und lebenslang bestehende tiefgreifende Entwicklungsstörung des Gehirns, die bei betroffenen Menschen die Fähigkeit zur üblichen Verarbeitung von (Sinnes- )Wahrnehmungen und Informationen beeinflusst. Erste Symptome, die auf Autismus hinweisen können, treten im frühen Kindesalter auf. Unterschieden werden folgende Formen von Autismus:
- Menschen mit frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) entwickeln oft keine oder aber eine auffällige Lautsprache. Sie fallen durch vielfältige, oft absonderliche Verhaltensmuster auf. Es zeigt sich bei ihnen meistens eine kognitive Behinderung (IQ weniger als 70, Low-function-Autismus), manchmal auch das Gegenteil (IQ höher als 70, High-function-Autismus). Erste Symptome treten vor dem dritten Jahr nach der Geburt auf. Vor allem zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr zeigt sich beim Kind ein „höchst abnormales“ Verhalten im Vergleich zum Verhalten Gleichaltriger. Die Motorik ist dabei meistens wie üblich entwickelt.
- Menschen mit Asperger-Syndrom entwickeln ohne klinisch bedeutsame Verzögerung eine weitgehend übliche Lautsprache. Sie haben meist eine durchschnittliche bis hohe Intelligenz. Schwächen bestehen in den Bereichen der sozialen Interaktion und der Kommunikation. Ihr Kontakt- und Kommunikationsverhalten erscheint merkwürdig / wunderlich und erinnert an eine milde Form des frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom). Häufig fallen motorische Störungen, Ungeschicklichkeit und Koordinationsschwächen auf. Oft treten stereotype Verhaltensmuster auf. Abgesehen von Auffälligkeiten in der motorischen Entwicklung sind die meisten Anzeichen etwa ab dem 4. Lebensjahr bemerkbar. Spätestens dann kristallisieren sich z.B. die qualitativen Beinträchtigungen in der sozialen Interaktion heraus.
- Bei Menschen mit atypischem Autismus sind das Erkrankungsalter und/oder die Symptomatik in Art und/oder Ausmaß so untypisch, dass es weder für die Diagnose frühkindlicher Autismus noch für die Diagnose Asperger-Syndrom ausreicht. Tritt der atypische Autismus gemeinsam mit einer starken Intelligenzminderung auf, nennt man das teilweise auch Intelligenzminderung mit autistischen Zügen.
- Menschen, bei denen ein autistisches Spektrum bzw. eine Autismusspektrumstörung (ASS) diagnostiziert wird, zeigen Übergänge zwischen verschiedenen Autismus-Formen.
Im Folgenden soll es um die „klassische“ Form des Autismus, den frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) gehen:
Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom)
Erste Anzeichen, die zur Diagnosestellung herangezogen werden können, treten bei Kindern mit frühkindlichem Autismus bereis vor dem dritten Jahr nach der Geburt auf. Durchschnittlich 17 von 10.000 Kindern entwickeln diese Form von Autismus. Drei von vier betroffenen Kindern sind männlich.
Merkmale des frühkindlichen Autismus
Bei keinem Menschen mit dem Kanner-Syndrom treten alle Symptome auf. Auch die Intensität der Ausprägung ist unterschiedlich. Es gibt nicht „den typisch autistischen Menschen“. Die Symtomatik des Autismus lässt sich in vier Merkmalsbereiche einteilen:
1. auffälliges Kontaktverhalten
2. eingeschränkte Kommunikation
3. gleichförmige Bewegungen, gleichförmige Aktivitäten, gleichförmige Interessen
4. veränderte Reizverarbeitung
Merkmalsbereich 1: Auffälliges Kontaktverhalten
- kein soziales Lächeln (Widerlächeln)
- oft deutlich mehr Interesse und Bezug zu unbelebten Objekten als zu Menschen und Tieren
- weitgehende Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen
- seltenes Eingehen auf Kontaktangebote, eher Abwehr von Kontaktangeboten
- oft Unvermögen, Stimmungen, Gesten und Minenspiel anderer Personen zu deuten, kein erkennbares Einfühlungsvermögen / Empathie bezüglich der Bedürfnisse und Empfindungen anderer Personen
- oft Unfähigkeit, sich selbst und anderen Personen sozio-emotionale Zustände zuzuschreiben und entsprechende Grenzen zu akzeptieren (Gedanken, Gefühle, Meinungen, Stimmungen usw.; alles, was nicht greifbar ist), Mangel an sozio-emotionaler Gegenseitigkeit, mangelndes Verständnis für soziale Signale
- Unvermögen, anderen Personen Dinge, die für diese von Bedeutung sind, zu zeigen, zu bringen oder darauf hinzuweisen, keine Verwendung der „Zeige“-Geste
- keine oder stark eingeschränkte Verwendung nonverbaler Verhaltensweisen wie z. B. Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen
- oft abweisende Körperhaltung und Körpersprache
- seltene Suche nach Blickkontakt, kaum Verfolgen der Blickrichtung, eher Blickrichtung auf Mund und Hals des Gegenübers
- seltene Suche nach Körperkontakt, da dieser aufgrund der häufig bestehenden Überempfindlichkeit des Tastsinnes oft als unangenehm, teils sogar als schmerzhaft, empfunden und daher vermieden bzw. abgewehrt wird
- wenn selbstständige Kontaktaufnahme, dann manchmal auf (sozial) unangemessene Art und Weise (z.B. durch Stören, aggressives Verhalten, Belecken oder Beriechen der Person, Beschädigung von Gegenständen)
- oft Funktionalisierung von Personen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung ohne weiterreichenden sozialen Kontaktwunsch
- seltene Suche nach Aufmerksamkeit, keine Verwendung der „Zeige“-Geste
- Unvermögen, spontan Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen Menschen zu teilen
- seltene Reaktion auf verbale Ansprache. Oft erfolgt eine Reaktion nur dann bzw. vergleichsweise schnell, wenn die verbale Ansprache von eindeutigen Gesten oder Körperkontakt (z.B. kurz am Arm berühren) unterstützt wird.
- oft dauert es mehrere Sekunden, bis Lautsprache „verstanden“ wird, d.h. der Klang wird sofort wahrgenommen, die Bedeutung der Worte wird aber erst nach einigen Sekunden entschlüsselt, sodass eine entsprechende Reaktion / Handlung erst nach einigen Sekunden erfolgen kann.
- Auffälligkeiten im Bereich von Stimmungen und Affekten (oft keine objektiv angemessenen Emotionen in bestimmten Situationen, z.B. keine als solche erkennbare Trauerreaktion beim Tod einer nahestehenden Person und kein Verlangen nach Trost)
- situationsunangemessene Affektausbrüche oder auch objektiv gesehen weitgehende „Gefühllosigkeit“
- häufig Inaktivität, Initiativlosigkeit oder auch Impulsivität
- häufiger Rückzug aus dem Gruppengeschehen (auch im familiären Kontext), „Für-sich-sein-wollen“, oft als Möglichkeit der Kontaktvermeidung oder als Schutz vor Reizüberflutung
- kein / kaum erkennbares Reagieren auf akustische Reize (oft entsteht dadurch zunächst der Verdacht auf Schwerhörigkeit oder sogar Gehörlosigkeit), oft aber besondere Vorliebe für bestimmte Geräusche
Merkmalsbereich 2: Eingeschränkte Kommunikation
- Die meisten Menschen mit frühkindlichem Autismus entwickeln keine Lautsprache bzw. nutzen sie nicht, zeigen aber auch kein direktes Bedürfnis, das Fehlen bzw. die Nichtnutzung der Lautsprache durch die Verwendung alternativer Kommunikationsformen zu kompensieren (wenn, dann weniger sozial, als vielmehr bedürfnisorientiert, z.B. durch Ziehen und Reißen einer Person)
- Wenn Lautsprache entwickelt wird, dann nur wenig und dann meist verzögert entwickelt, oft selbstbezogen und stereotyp (z.B. Lautieren und Selbstgespräche ohne objektiv erkennbaren Sinn und Adressat oder in unpassenden situativen Zusammenhängen, Echolalie, ungewöhnliche, gleichtönige Stimmmelodie, schwer verständliche oder auffallend exakte Aussprache)
- häufig Probleme, ein Gespräch anzufangen, ihm zu folgen und es angemessen fortzuführen (z. B. oft stereotype Verwendung bestimmter Sätze oder Satzbausteine)
- oft fehlerhafter Satzbau und Pronomenvertauschung (Ich-Du-Verwechslung)
- Wortneuschöpfungen, „Privatsprache“
- Probleme, Fragen zu stellen und Antworten im ganzen Satz zu geben
- Schwierigkeiten damit, Ja/Nein-Antworten zu geben. Bestätigung oft durch Wiederholung des Gesagten
- Schwierigkeiten damit, zwischen Alternativen zu wählen
- kaum erkennbares Verständnis für Ironie, Sarkasmus, Komik usw., meist wird alles wortwörtlich genommen
- wenig Nutzung von Minen, Gesten und Körpersprache zur Verständigung
- oft keine Reaktion auf rein verbale Ansprache (schlechtes Sprachverständnis? Kann sein, muss aber nicht! Ist gerade bei nichtsprechenden Menschen nicht leicht, das herauszufinden). Oft erfolgt eine Reaktion nur dann bzw. vergleichsweise schnell, wenn die verbale Ansprache von eindeutigen Gesten oder Körperkontakt (z.B. kurz am Arm berühren) unterstützt wird.
- oft dauert es mehrere Sekunden, bis Lautsprache „verstanden“ wird, d.h. der Klang wird sofort wahrgenommen, die Bedeutung der Worte wird aber erst nach einigen Sekunden entschlüsselt, sodass eine entsprechende Reaktion / Handlung erst nach einigen Sekunden erfolgen kann.
- nicht lügen können
Merkmalsbereich 3: Gleichförmige Bewegungen und Aktivitäten, gleichförmige Interessen
- ausdauernde Beschäftigung mit einem oder mehreren gleichförmigen und sehr begrenzten Interessen, wobei Inhalt und Intensität ungewöhnlich sind
- kurze bzw. stark motivationsabhängige Aufmerksamkeitsspanne und / oder „innere Abwesenheit“ bei vielen Aktivitäten (mit Ausnahme von jenen, die stereotyp durchgeführt werden oder ein besonderes Interesse wecken; dann oft ungewöhnlich lange Beschäftigung)
- monotone, stereotype Aktivitäten, ohne Hilfe meist z. B. kein objektiv sinngemäßes, sinnvolles Spiel möglich
- oft nur sinnfremde Beschäftigung mit Teilaspekten von Sachen / Spielzeugen, ohne sie als ganzes in ihrer angedachten Funktion zu nutzen (z. B. werden Bauklötze nach Farben, Größen o.ä. sortiert anstatt das mit ihnen etwas gebaut wird, Schmusetiere werden beleckt, geschüttelt o.ä. statt mit ihnen zu spielen und zu schmusen)
- wenig Neugier auf Neues, eher Abwehr von Ungewohntem
- kaum Imitation, eher mechanisches Nachmachen
- meist beobachten statt mitmachen
- kaum soziale Spiele wie z.B. Spiele in Gruppen, Fantasiespiele, „Als-ob-Spiele“
- kaum Spaß an Fantasierreisen, Geschichten usw. (wenig Verständnis für bzw. Interesse an abstrakten Dingen)
- Unvermögen, sich aktiv in Spiele einzubringen, keine Kenntnis bzw. keine Umsetzung der ungeschriebenen Regeln sozialer Spiele, Schwierigkeiten damit, zu verlieren
- oft Ungeduld, Verlangen nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung
- oft keine Verteidigungsgesten bei verbaler und / oder körperlicher Provokation
- oft Beschäftigung mit Katalogen, Zeitschriften, Papierschnipseln oder Bindfäden
- oft lange Fixierung bestimmter Muster, kratzen und betasten bestimmter Oberflächen, drehen und wedeln von Händen oder Gegenständen im Gesichtsfeld
- oft intensive Beschäftigung mit in sich strukturierten Themengebieten (z. B. Geschichtsdaten, Zahlen, Geografie)
- oft Sammeln von vergleichsweise seltsamen Dingen (z. B. tote Insekten)
- oft Ordnungsspiele / Spiele mit bestimmten Systematiken (z. B. Steckspiele, Puzzles, Zuordnungsspiele, klar strukturierte, überschaubare Spiele)
- oft Vorliebe für sortieren, aufreihen, Muster einhalten, „in Ordnung bringen“ (z. B. offen stehende Türen und Fenster schließen, wegräumen von Dingen anderer Personen, die die eigene Ordnung stören usw.)
- kaum zeigen / präsentieren der Aktivität oder der Ergebnisse, „Für-sich-machen“, kein erkennbares Verlangen nach Lob und Aufmerksamkeit
- kaum Spontaneität, eher besondere Vorliebe für gleichförmige Abläufe, Wiederholungen, Rituale, Fixierungen (z. B. in bezug auf Tagesablauf, Bezugspersonen, Kleidung, Ordnungen)
- ungewöhnlich starres Festhalten an bestimmten meist nichtfunktionalen Gewohnheiten, Ritualen und Abläufen. Unerwartete Abweichungen führen oft zu starker Verwirrung und Verunsicherung ("Chaos im Kopf"), da meist keine alternativen Strategien zum Umgang mit der Veränderung vorliegen
- oft Bewegungsstereotypien (z. B. Klatschen, Reiben, Biegen und Wedeln der Hände, Schaukeln, Wippen, Augenverdrehen, Halsverdrehen oder andere komplexe Bewegungen mit dem ganzen Körper)
- oft unsicheres, steif und staksig wirkendes Gangbild, Gleichgewichts-/ Balanceprobleme, Unvermögen auf Stufen im Wechselschritt zu gehen, Zehenspitzengehen
- oft Vorliebe für langes, ausdauerndes Schaukeln (auf dem Spielgerät und mit dem Körper) und im Kreis herumgehen
- oft Vorliebe für Rhythmen, Rituale, Gleichbleibendes, oft Fixierung auf bestimmte Abläufe und Strukturen, bei Veränderung oft aggressive oder ängstliche Reaktionen
- oft Schwierigkeiten, freie, nicht (vor-) strukturierte Zeit allein zu gestalten
- oft motorische Unruhe und starker Bewegungsdrang bis hin zur Hyperaktivität, aber auch Phasen tiefer Apathie
- oft können bestimmte Willkürbewegungen nicht ausgeführt werden, da die Nerven die notwendigen Impulse nicht richtig weiter leiten („motorischer Blackout“). Eine Hilfe zur Motorikkontrolle kann eine körperliche Stütze sein, wie sie z.B. beim gestützten Schreiben oder beim gestützten Malen eingesetzt wird
- oft können bestimmte Bewegungen nicht kontrolliert werden und werden unwillkürlich ausgeführt („motorischer Kurzschluss“). Eine Hilfe zur Motorikkontrolle kann eine körperliche Stütze sein, wie sie z.B. beim gestützten Schreiben oder beim gestützten Malen eingesetzt wird.
- viele Bewegungen gelingen spontan ohne Probleme, aber auf Kommando gar nicht und erst recht nicht mit Druck und Hetze
- oft Unvermögen, ganzheitlich und kontextbezogen zu denken, wahrzunehmen und zu handeln
Merkmalsbereich 4: Veränderte Reizverarbeitung
- oft Überforderung durch subjektiv empfundene „Überflutung“ durch Umwelt- und Körperreize, da kaum eine Reizfilterung stattfindet (Reizaufnahme in der Regel physiologisch unproblematisch, Probleme bereiten Filterung, Einordnung, Wiedererkennen und Versehen der Reize mit einer situativ passenden Bedeutung und die Auslösung einer angemessenen Reaktion)
- oft Bevorzugung eines Sinneskanals (häufig des visuellen, da beständiger und weniger sozial; dort manchmal besondere Gedächtnisleistungen) und oft extrem starke Ausblendung der anderen zur Vermeidung von Reizüberflutung
- oft extreme Unter- oder Übersensibilität in den einzelnen Wahrnehmungsbereichen bzw. bei bestimmten Reizen (z. B. können viele Menschen mit Autismus ihre Körpereigengeräusche hören wie etwa Herzschlag, Verdauung und Blutfluss). Kann auch phasenweise auftreten.
- bestimmte Sinnesreize wie Geräusche, Berührungen, Gerüche usw. werden als sehr unangenehm empfunden. Oft Abneigung gegen oder sogar Angst vor durchschnittlich intensiven, alltäglichen Geräuschen, Berührungen, Gerüchen usw. (z. B. bestimmte Ton-/Stimmlagen, Handschütteln, Streicheln, Parfüm, Schweiß)
- bestimmte Sinnesreize wie Geräusche, Berührungen, Gerüche usw. werden als sehr angenehm empfunden. Oft Vorliebe für ungewöhnliche bzw. sehr intensive Geräusche, Berührungen, Gerüche usw. (z. B. Baustellengeräusche, Staubsauger, „gequetscht“ werden, Kot, Urin, scharfe Speisen)
- oft Vorliebe für besondere visuelle Reize (z. B. grelles oder blinkendes Licht, Lichtreflexe auf Wasser oder Glas, Schattenbewegungen)
- oft intensive Wahrnehmung von Details, Bemerken kleiner Veränderungen. In Verbindung mit der häufigen Schwierigkeit, Abweichungen vom Gewohnten zu akzeptieren und ihnen angemessen zu begegnen, können selbst geringe Umgestaltungen zu großer Verunsicherung führen
- oft Erkundung von Dingen und Personen durch Mund und / oder Nase durch daran lecken und / oder riechen
- oft gesteigerte Unempfindlichkeit gegenüber Schmerz, Extremtemperaturen (Kälte) und unangenehmen Geschmacksreizen (z. B. sehr scharfen oder bitteren Nahrungsmitteln)
- oft paradoxe Reaktion auf Sinnesreize (z. B. Augen zuhalten bei einem unangenehmen Geräusch)
- oft Ablehnung von bzw. Vorliebe für ganz bestimmte Nahrungsmittel (z. B. nur Nahrungsmittel mit einer bestimmten Farbe, einer bestimmten Geschmacksrichtung oder nur bestimmte Nahrungsmittelkombinationen werden gegessen und andere völlig abgelehnt. Kann auch phasenweise auftreten)
- manchmal Verzehr von unessbaren Dingen (z. B. Plastik, Haare, Erde, Sand)
- oft Selbstverletzung (als extremem Reiz) zur Selbststimulation und Körperwahrnehmung, aber oft auch als Kompensationsmöglichkeit für Anspannung und Stress (z. B. Kopf gegen harte Oberflächen schlagen, sich beißen, in den Augen bohren, Wunden aufkratzen)
- oft fällt die Orientierung im Raum schwer (häufig bei wechselnden Bodenbelägen, oft stehen bleiben an den „Grenzen“ eines Raumes, z. B. der Teppichkante oder Türschwelle)
weitere Merkmale
Folgende Besonderheiten sind bei Menschen mit frühkindlichem Autismus überdurchschnittlich häufig zu beobachten:
- Linkshändigkeit
- Epilepsie bei ca. drei von zehn Menschen. Z.B. wird gehäuft bei Kinder eine autistische Störung festgestellt, bei denen die Temporallappen im Gehirn durch eine Tuberöse Sklerose verändert sind und das West-Syndrom vorliegt / vgl. Freitag, 2008; Bolton et al. 2002; Bolton/Griffiths, 1997.
- Angst vor objektiv gesehen in der Regel harmlosen Situationen und Dingen (z. B. Plastikpflanzen, Puppen)
- Furchtlosigkeit vor objektiv gesehen (potentiell) gefährlichen Situationen und Dingen (z. B. Straßenverkehr)
- mitunter lang andauernde Wein- oder Schreiphasen oder auch Phasen großer Euphorie ohne objektiv erkennbaren Grund
- Abneigung gegen das Tragen neuer Kleidung (kann ggf. mit einer Überempfindlichkeit gegen bestimmte Stoffsorten oder -strukturen zusammenhängen, aber auch Ausdruck einer generellen Abneigung gegen Neues und Veränderung sein)
- oft ist Hilfestellung bei Verrichtungen des täglichen Lebens nötig (z. B. An- und Ausziehen, Körperpflege, Toilettengang, Zubereitung von Mahrzeiten, Einschütten von Getränken, Orientierung außerhalb der gewohnten Umgebung)
- oft bestehen Schwierigkeiten im Bereich der (Fein-) Motorik und dabei, Abläufe in der richtigen Reihenfolge durchzuführen. Oft reicht eine präzise formulierte verbale Unterstützung oder es braucht zusätzlich dazu noch eine konkrete Hilfestellung.
- oft kein Kauen, sondern Schlingen und Stopfen beim Essen (führt häufig zum Verschlucken)
- oft gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus (Ein- und Durchschlafprobleme, langes Wachliegen, nächtliche Aktivitäten, z. B. Herumlaufen, Stereotypien)
- manchmal gutes Gedächtnis für z. B. Namen, Wege, (Geschichts-) Daten, Zahlenkombinationen, Texte, Ordnungen, visuelle Muster, Melodien, Tabellen o. ä.
- manchmal besondere künstlerische Fähigkeiten (z. B. im Bereich Malen oder Musik)
- manchmal besondere mathematische und technische Fähigkeiten
- generell mehr Interesse an solchen Dingen, die geringe soziale Komponenten haben und sich durch Absehbarkeit und Regelmäßigkeit kennzeichnen
Diagnostik
Die Diagnose einer autistischen Störung wird von Fachärzt/innen vorgenommen. Ansprechpartner/innen für die Diagnostik sind Praxen und Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es gibt standardisierter Interview- und Beobachtungsverfahren, mit denen eine autistische Störung diagnostiziert oder ausgeschlossen wird:
Ein wichtiger Baustein der Diagnostik ist die strukturierte Beobachtung des Kindes / Jugendlichen. Neben der reinen Beobachtung kommt auch die Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen (Autism Diagnostic Observation Schedule / ADOS) zum Einsatz. Dabei werden in einem Zeitrahmen von etwa 30 bis 45 Minuten durch die Inszenierung von Situationen, Elementen, Aktivitäten und Gesprächen mit allgemein hohem sozialen Anreiz die Fähigkeiten des Kindes / Jugendlichen zur Kommunikation, zu sozialer Interaktion und zum Spielverhalten oder Fantasiespiel überprüft. Die Untersucherin / der Untersucher wählt dazu aus den vier standardisierten Untersuchungsstrategien (Modulen) des ADOS eines aus, das sich am Alter und am Sprachniveau des Kindes / Jugendlichen orientiert.
Wenn es möglich scheint, wird auch ein Intelligenztest mit dem Kind / Jugendlichen gemacht.
Ein weiterer wichtiger Baustein der Diagnostik ist seit 2006 das Diagnostische Interview für Autismus - Revidiert (Autism Diagnostic Interview - Revised / ADI-R). Es handelt sich dabei um eine gezielte, entwicklungs- und symptomorientierte Befragung der engen Bezugspersonen des Kindes / Jugendlichen (meistens der Eltern). Dieses umfangreiche Interview dauert je nach Ausprägung der Symptomatik beim Kind / Jugendlichen bis zu drei Stunden.
Frühkindlicher Autismus heißt frühkindlicher Autismus, weil die spezifische Symptomatik der Störung schon früh erkennbar ist. Darum ist insbesondere beim Interview für die Erfassung und zur Differenzialdiagnostik von Störungen des autistischen Spektrums das Verhalten des Kindes zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr von ganz entscheidender Bedeutung. Denn bei einem autistischen Kind ist in diesem Alter ein „höchst abnormales“ Verhalten in den vier Merkmalsbereichen zu beobachten (vgl. S. Bölte und F. Poustka, in: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 29 (3), 2001, 221-229). Deshalb wird beim ADI-R dieser Altersspanne besondere Aufmerksamkeit geschenkt, um eine autistische Störung von anderen psychiatrischen Störungen so sicher wie möglich abgrenzen zu können.
Eine Autismus-Diagnose vor dem dritten Lebensjahr des Kindes gilt als differenzialdiagnostisch eher unsicher.
Die Diagnose des Autismus ist Voraussetzung für den Anspruch auf autismusspezifische Förderungsmaßnahmen.
sonstiges
Die Vereinten Nationen haben den 2. April eines jeden Jahres zum Welt-Autismus-Tag erklärt. Er wurde 2008 erstmals begangen und von vielen Vereinen und Verbänden dazu genutzt, auf das Thema Autismus verstärkt öffentlich aufmerksam zu machen.
Literatur
- Siegfried Walter: Autismus. Erscheinungsbild, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten
- Brigitte Rollett, Ursula Kastner-Koller, Georg Spiel: Praxisbuch Autismus für Eltern, Erzieher, Lehrer und Therapeuten
- Tony Attwood: Das Asperger-Syndrom. Wie Sie und Ihr Kind alle Chancen nutzen. Das erfolgreiche Praxis-Handbuch für Eltern und Therapeuten
- Shira Richmann: Wie erziehe ich ein autistisches Kind? Grundlagen und Praxis
- Maureen Aarons, Tessa Gittens: Autismus kompensieren. Soziales Training für Kinder und Jugendliche ab drei Jahren
- Charlotte Moore: Sam, George und ein ganz gewöhnlicher Montag. Mein Leben mit zwei autistischen Kindern (Erfahrungsbericht mit vielen auch allgemeinen Infos zum Thema Autismus)
- Fritz Poustka, Sven Bölte, Sabine Feineis-Matthews, Gabriele Schmötzer: Autistische Störungen. (Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie. Band5); Göttingen 2008
- Dr. Brita Schirmer: Elternleitfaden Autismus (Untertitel: Wie ihr Kind die Welt erlebt-Mit gezielten Therapien fördern-Schwierige Alltagssituationen meistern.) Stuttgart 2006 (Umfassender Ratgeber mit vielen Informationen rund um das Autismusspektrum und vielen alltagspraktischen Tips)
Weblinks
- „Autismus“ in der Wikipedia
- Autismus Deutschland e. V. – Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus
- Videosequenzen zum Vergleich eines autistischen Kindes mit einem Regelkind (Zum Aufrufen der Videos ist eine Registrierung erforderlich. Sie ist kostenlos und unverbindlich.)
- Unterschätzte Außenseiten / ((Asperger)-Autismus)
- Informationen und Artikel zu Autismus und Asperger-Syndrom
- Asperger-Autismus: Mythen
- Forum einer Asperger Autistin
Dokumentationen und Spielfilme
- Expedition ins Gehirn (dreiteilige Dokumentation über das Phänomen der Inselbegabung)
- WDR Quarks & Co: Autismus – wenn Denken einsam macht (Dokumentation)
- WDR Quarks & Co: Was ist anders bei Nicole? Begegnung mit einer Autistin (Dokumentation)
- 37°: Meine Welt hat tausend Rätsel - Leben und Denken hochbegabter Autisten (Dokumentation)
- Haus der verlorenen Seelen (Spielfilm)
- Rain Man (Spielfilm)
- Snow Cake (Spielfilm)
